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Und nun zum Wetter: Diem inszeniert die „Iran-Konferenz“ als bitterböse Gutmensch-Satire

Ein alerter Moderator (Roman Konieczny) beisst sich an einem widerborstigen Referenten (Götz van Ooyen) im Interview die Zähne aus. Foto: @björn_hickmann

Die Bühne ziert ein Rednerpult unter einem überdimensionalen Flatscreen. In ein Sesselchen am linken Rand lümmelt sich der alerte Moderator Prof. Philip Rasmussen (Roman Konieczny), ein wendiger und windiger Beau ohne Meinung, aber mit einem umso größer karierten, dandyhaften Anzug. Die Zuschauer im Kleinen Haus stellen das Auditorium, wie es sich tagtäglich dutzendfach bei internationalen Tagungen, Fachkonferenzen, in Talkrunden oder Kongressen einfindet: Manche lauschen angestrengt den RednerInnen. Manche belächeln höhnisch amüsiert die subjektiv als solche wahrgenommenen Fehlansichten und Mindermeinungen. Zwei, drei akribische Fleissarbeiter kritzeln jedes gesprochene Wort in einen Steno-Block. Und wiederum andere warten nur auf die Kaffeepause, die nicht kommt...

Schnell wird klar: Nur vordergründig geht es Iwan Wyrypajew in seiner „Iran-Konferenz“ um die Lage des Gottesstaates am Golf, um den eskalierten Atomstreit, Menschenrechtsverletzungen, Unterdrückung der iranischen Frauen, die humanitär katastrophale Lage, die Religion. Es geht um unseren westlich-überheblichen Blick auf fremde Kulturen und Gesellschaften, und vor Allem: Um die westliche Unfähigkeit, in ihrem pluralistischen Interessenstreit noch Empathie für das thematische Subjekt zu empfinden. „Sie reden nur, aber sie handeln nicht!“, beklagt schon Alois, der Löwe, in Erich Kästners utopischem Kinderbuch „Konferenz der Tiere“ aus dem Jahr 1949 diese Ignoranz.

So witzelt Rasmussen in der Anmoderation über die „Konfrontation zwischen Allah und Coca-Cola“ und lacht am Lautesten über seine Pointe, die er von Moderationskärtchen ablesen muss. Dann stellt sich heraus, dass der international tätige Islam-Aktivist und Geisteswissenschaftler Daniel Christensen (Gertrud Kohl) gar kein Muslim ist, aber dafür der Theologe Oliver Larsen (Georg Mitterstieler) ein Fatalist („Wir werden mit Raketen beschossen. Wir sterben. Aber es gibt noch etwas Wichtigeres“) und die rationale Journalistin Astrid Petersen (Yevgenia Korolov) hinter ihrer aufrechten Fassade von Rache getrieben wird. Einst im Iran eingesperrt, wünscht die Menschenrechts-Heroine ihrem Peiniger die Todesstrafe an den Hals. Emma Schmidt-Poulsen (Isabell Giebeler) als Gattin des dänischen Ministerpräsidenten und Charity-Lady war noch nie im Iran und kann auch nichts zum Thema sagen. Doch als ebenso prominente wie hübsche Alibi-Frontfrau eines Wohltätigkeitsfonds ist sie für die Aussenwirkung des Kongresses unverzichtbar und darf deshalb naiv über das „Geheimnis des Glücks der Menschen in der dritten Welt“ schwadronieren, soeben herbeigejettet aus Südamerika zwischen Pressekonferenz und arrangiertem Fototermin, dort umringt von den glücklichen Kindern der Einheimischen, hautnah erlebt...

 

Saskia Taeger spielt die Hosenrolle des Kolumnisten Magnus Thomsen. Foto: @björn_hickmann

So trägt jeder seinen Anteil zum medialen Zerrbild der Welt bei: Kolumnist Magnus Thomsen (Saskia Taeger) geißelt die westliche Menschheit als „spirituell minderbemittelt“, der Philosoph Gustav Jensen (Matthias Schamberger) entpuppt sich als zäher Analytiker, dessen einziges Ziel darin besteht, seine Wissenschaft vom Wissen als Königsdisziplin der universitären Hierarchie zu erhalten. Den fundamental-religiösen Eifer des Theologen Vater Augustin verzerrt Götz van Ooyen ins Absurd-Groteske: Mit den rollenden Augen eines irrwitzigen Rachegotts vernichtet er schon die Versuche des Moderators, ihm Fragen zu stellen.

Im Auftritt des greisen „Ex-Dirigenten des Dänischen Nationaltheaters“ (Klaus Meininger) kulminiert die Freakshow. Am Krückstock humpelt er durch den Zuschauersaal zur Bühne und verkündet knapp Nichts, weil nur seine Prominenz ihn zum Redner prädestiniert hat. Und der Schlussauftritt der jungen Iranerin Shirin Shirazi (gespielt von einem vollbärtigen Cino Djavid), soeben aus einem iranischen Kerker entkommen und nur deshalb der Todesstrafe entgangen, weil man sie für ein Gedichtbändchen mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet hat, löst den Irrwitz der Konferenz mit einem einzigen Satz auf.

Langer Beifall für ein sprachlastiges Stück, das den Mitgliedern des Ensembles allerdings die Chance bot, sich in nicht-ambivalenten Charakteren zu verstetigen.

Christoph Diem inszeniert ohne viel Schnickschnack, ohne Blitz und Theaterdonner, aber werkgetreu und auf's Wesentliche reduziert eine bitterböse Gutmensch-Satire. Ein groteskes Panoptikum der führenden westlichen WeltenerklärerInnen in ihren allzu menschlichen Befindlichkeiten und eitlen Beschränktheiten. In ihrer engstirnigen Expertensicht auf ein überkomplexes Thema, dessen Zusammenhänge sie nicht begreifen können und - schlimmer noch – nicht begreifen wollen, weil sie sich aus dem aufgeworfenen Wust der Themen nur jene kleinen Aspekte herauspicken, die ihren eigenen Ego-Trip befeuern und das eigene Interesse vorantreiben. Und dieses Verhalten lässt sich – das ist die bitterschmeckende Essenz von Wyrypajew – bis in die letzte Stadtteil-Bürgerinitiative herunterbrechen.

Durch Überzeichnung humoresk, durch ihren Wahrheitsgehalt nachgerade tragisch: Diem's Inszenierung zeichnet ein fiktives Geschehen mit StereotypInnen (deren Geschlecht deshalb egal sein kann, Dank für die Besetzung!) und über das die Tagesschau vermelden würde: „In Kopenhagen ging heute die zweitägige Iran-Konferenz zu Ende. Es wurden insbesondere die Lage der Menschenrechte, die Aufkündigung des Atomabkommens und die Einschränkung der Religionsfreiheit kritisiert. Gastrednerin war die junge iranische Literatur-Nobelpreisträgerin Shirin Shirazi. Die TeilnehmerInnen konnten sich nicht auf eine gemeinsame Abschlusserklärung einigen. Und nun zum Wetter.“

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