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Stellungnahme zu dem BZ-Artikel „Öko-Heuchelei im Wald“ von Johannes Kaufmann

 

Demo am Hambacher Wald am 3. Oktober 2018

Es ist richtig was Herr Kaufmann schreibt, wenn er Frau Kipping kritisiert, weil sie meint, dass die Bäume im Hambacher Forst 12000 Jahre alt sind. Natürlich ist das falsch. Alle Bäume haben ihre standortabhängige und genetisch vorbestimmte Todeszeit. Sie sind ja schließlich Lebewesen. Damit hat DIE LINKE schon mal nicht recht! Und Frau Wagenknecht auch nicht, die behauptete, dass er der „letzte große Mischwald Mitteleuropas“ sei. Erstens ist dieser Restwald Hambacher Wald nicht groß und zweitens schon gar nicht der letzte. Damit hat DIE LINKE und „#aufstehen“ weiterhin nicht recht! Und außerdem keine Ahnung von Bäumen und Wald. Aber - darum geht es gar nicht. Das war nur die stimmungsmachende Overtüre des Herrn Kaufmann.

Es ist auch richtig was Herr Kaufmann schreibt, dass Deutschland relativ viel Wald hat und, dass RWE aufforstet. Alles richtig. Aber warum denn diese Polemiken wie „wohlstandsverwahrloste Stadtkinder“, „ideologische Verblendung“, „Verabschiedung von der Zivilisation“, „gewaltbereite Linksextremisten“ usw. Mit Verlaub, Herr Kaufmann, mit diesen Ausfällen, begeben Sie sich auf dieselbe Ebene, wie die von Ihnen oben zitierten linken Politikerinnen. Das muss doch nicht sein, wenn Sie gute Argumente haben. Und übrigens: Mit Links oder rechts im politischen Spektrum, hat das nichts zu tun. Naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten, wie die der Erderwärmung und seine Folgen, sind eine andere Kategorie.

Den „fanatischen Aktivisten“ billigen Sie Ehrlichkeit zu. Na, immerhin, nur fanatisch sind die nicht! Die sind nur den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und deren Auswirkungen auf das Lebendige gegenüber kenntnisreich, verantwortungsbewusst und so handlungsbereit, wie die Wissenschaft es fordert. Warum von Ihnen diese Hetze bei Ihrer Wortwahl, zumal in der Sache diese besorgten Demonstranten allzu recht haben? Es geht ökologisch gesehen zwar nicht um den einzelnen Baum und auch nicht um diesen kleinen Restwald, der die Welt nicht retten wird. Es geht vielmehr um die Symbolik, und die ist wirkmächtig, weil lebensnah. Es geht sogar um mehrere Symboliken: Um die des Baumes, um die des Lebens, um die des Zerstörens, um die der Ignoranz, um die der Solidarität zwischen Natur und Mensch und um die der Gerechtigkeit.

Der Baum ist fest mit der Erde verwachsen. Seine Wurzeln dringen tief in sie ein und verankern ihn mit seiner Nahrungsquelle. Sie geben ihm Halt und Stabilität. Bäume werden im Verhältnis zu Menschen uralt. Was wäre nahe liegender, als sie mit dem ewigen Leben in Verbindung zu bringen?

Der Baum ist ein Symbol der Stärke. Es gibt kaum einen anderen Archetypus, der auf diese besondere Weise Stärke verkörpert. Bäume strahlen Stärke aus, Widerstandskraft und Harmonie. Menschen betrachteten sich auf vielfältige Weise als Kinder der Bäume.

Bäume stehen für das Leben. Ohne die grünen Pflanzen gäbe es kein Leben auf unserer Erde. Bäume sind mit die wichtigsten dieser „Primärproduzenten“, wie die grünen Pflanzen von den Ökologen genannt werden. Sie produzieren mithilfe des Blattgrüns (Chlorophyll) und des Sonnenlichts aus Wasser und Kohlendioxid Kohlenhydrate (Zucker, Stärke) und Sauerstoff, die Grundlagen für alles weitere Leben.

Lieber Herr Kaufmann, weil Sie Wissenschaftsredakteur der BZ sind, gehe ich davon aus, dass Sie das alles über die Bäume wissen. Wobei ich Wissen nicht nur als naturwissenschaftliches Wissen verstanden haben möchte. Erlauben Sie mir bitte einen Exkurs, bevor ich diesen mit dem Hambacher Wald verbinde:

Wissen und Weisheit sind sich ähnlich. Aber es ist nicht dasselbe. Wissen suchen wir außen, durch das Studium der Dinge, und verwahren es innen. Wissen alleine bewegt noch nichts. Weisheit aber finden wir innen und wenden sie außen an. Weisheit ist gelebtes Wissen.

Wir alle wissen wie es um das Klima bestellt ist. 1972 ist der Club of Rome entstanden. Gestern ist er 50 Jahre alt geworden. Von Klimawandel war damals noch nicht die Rede. Heute wissen wir es und erleben bereits die ersten Auswirkungen. Die Hiobsbotschaften verstärken sich, weil die Forschung immer mehr Erkenntnisse gewinnt. Die Ursachen dafür liegen in unserem Lebenswandel, auch beim Verfeuern von Braunkohle. Teilweise überschlagen sich die neuen Erkenntnisse. Und Sie schreiben von „Öko-Heuchelei im Wald“.

Natürlich wussten die Regierung Hannelore Kraft, die SPD und die Grünen, über die Klimaschädlichkeit der Braunkohleverfeuerung bescheid, so wie auch über den zu zerstörenden Hambacher Wald.  Sowohl vor zwei Jahren als auch heute ist es hoch problematisch Braunkohle zu verfeuern. Falsch bleibt falsch, egal welche Partei die Braunkohle verbrennen will. Natürlich ist es leichter in der Opposition zu kritisieren. Aber sie tut es wenigstens, weil es richtig ist. Dumm wäre es, in der Opposition immer noch das Falsche zu fordern. Es ist geradezu die Pflicht der Opposition nun die Einstellung der Braunkohlebaggerei zu fordern. Das hat nichts mit Heuchelei zu tun, sondern mit Klugheit und Verantwortung.

Sie schreiben über die Beschlüsse der rot grünen Regierung, die Abbaugrenzen unverändert zu lassen. Na und? Auch wenn eine Maßnahme politisch beschlossen ist, muss sie nicht zwangsläufig richtig sein. Zumindest bei Überlebensfragen müssen Entscheidungen immer mal wieder auf den Prüfstand. Unsere Parlamente haben schon schlimm geirrt. Man denke nur an den Ausbau der Atomindustrie, Wiederaufbereitungsanlagen, Schnelle Brüter oder an die ASSE vor unserer Haustür. Wir BürgerInnen haben geradezu die Pflicht, die Politik kritisch zu begleiten. Das ist gelebte Demokratie, die wir heute nötiger brauchen denn je. Wenn`s sein muss auch über Baumhäuser.

Wir haben das Wissen über unser Klima und wie wir es schädigen aus der naturwissenschaftlichen Forschung. Machen wir aus Wissen nun die Weisheit, denn über Weisheit kommt die Handlungskompetenz. Die jungen Leute im Hambacher Wald haben sie gezeigt, wie auch die 50.000 Demonstranten vor zwei Wochen. Nun auch die Richter am OLG Münster.  Das ist gut so.

Den Naturschutzverbänden und den GRÜNEN, denen Sie Heuchelei“ vorwerfen, sind hoch verantwortungsvoll.  Ebenso wie die vielen Menschen damals in Wackersdorf, Brokdorf, Grohnde, Gorleben oder Kalkar. Diese Millionen DemonstrantInnen votierten seinerzeit für das Lebendige. Heute müssen wir all denen dankbar sein.

Fast alle Zeitungen haben vor 40 Jahren so geschrieben wie Sie es heute tun. Ich dachte immer diese Zeiten sind vorbei. Um so wichtiger sind die Handlungsbereiten auf der Straße und im Wald.

 

 

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