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Schülerstreiks gegen Klimapolitik? Merkel: die Russen stecken dahinter!

Es war einer jener Momente, in denen etwas schlagartig deutlich wird, das schon lange spürbar war, aber so deutlich noch nicht auf den Punkt kam. Ort: Münchner Sicherheitskonferenz, Datum: 16.2.2019. Die Kanzlerin spricht:

Europa hat Gegner. Die hybride Kriegsführung seitens Russland ist täglich zu spüren in jedem der europäischen Länder … das geht gegen uns alle

Und dann kommt es:

Diese hybride Kriegsführung im Internet ist sehr schwer zu erkennen, weil Sie plötzlich Bewegungen haben, von denen Sie gedacht haben, dass die nie auftreten – die immer ansetzen an einem Manko. In Deutschland protestieren jetzt die Kinder für Klimaschutz. Das ist wirklich ein wichtiges Anliegen. Aber dass plötzlich alle deutschen Kinder – nach Jahren ohne sozusagen jeden äußeren Einfluss – auf die Idee kommen, dass man diesen Protest machen muss, das kann man sich nicht vorstellen.“

 (Wer´s nicht glauben will, prüfe es selbst bei „phoenix“, ab Minute 41:30.) Ich habe es mir drei mal angesehen, weil ich es nicht glauben konnte.

Schülerstreiks wie ja auch in Braunschweig, in denen die fahrlässige Klimaschutz-politik der Bundesregierung endlich angegangen wird, sind also von den Russen ferngesteuert? Greta Thunberg gar eine russische Einflussagentin? Deutsche Medien, die intensiv über Gretas Aktionen berichteten, etwa nützliche Idioten der Russen?

Schüler und ihre Anliegen werden nicht respektiert

Mehr noch: wenn Frau Merkel die Schülerstreiks als Ergebnis „hybrider Kriegsführung“ sieht, kann sie die Schüler gar nicht ernst nehmen, weil sie ja angeblich nur naive, nichtsahnende Verfügungsmasse einer ausländischen Macht sind. Wären sie das, wäre ihre Glaubwürdigkeit dahin und ihr Anliegen entwertet.

Natürlich macht man sich Sorgen, wenn führende Politiker dem eigenen Volk so entrückt sind, dass sie solch einen Blödsinn glauben und dann auch noch zum Besten zu geben. Allerdings fällt sofort auf, dass dies keine rein deutsche Erscheinung ist. Der französische Präsident Macron, dem die „Gelbwesten“ schwer zu schaffen machen, sieht diese ebenfalls als Ergebnis russischer Medien- und Interneteinflüsse. Die Demokraten in den USA können sich den Wahlsieg des Donald Trump auch nur aus russischer Einflussnahme erklären. Kurz: viele westliche Politiker verstehen ihr eigenes Volk (zumindest Teile davon) nicht mehr und sehen in missliebigen, für sie unangenehmen Entwicklungen nur das Ergebnis böser, äußerer Einflussnahme. Das fällt ihnen umso leichter, als sie dann nicht mehr die eigene Politik überprüfen müssen, die ja in der Regel zu dem Unwillen geführt hat. Deshalb auch das hartnäckige Bohren nach der Verbindung zwischen Trump und den Russen, das bisher wenig Tragfähiges zutage gebracht hat. Es muss einfach was zu finden sein!

Schwere Vorwürfe ohne Beweise vergiften das internationale Klima

Um kein Missverständnis zu erzeugen: natürlich gibt es so etwas wie Einflussnahme auf die Bevölkerung eines anderen Staates über Medien und über das Internet. Die USA haben darin eine gewisse Meisterschaft entwickelt und mit Sicherheit die besten technischen Instrumente dafür. Bemühungen ähnlicher Art gibt es sicher von allen möglichen anderen Seiten auch. Das Öffentlichmachen solcher Versuche ist völlig in Ordnung, die Bürger des eigenen Landes sollen das in ihre Meinungsbildung einbeziehen können. Aber eine solche Einflussnahme ohne jeglichen Beweis oder sogar wider besseres Wissen zu unterstellen ist schon ein dreistes Vorgehen, das friedliche Beziehungen zwischen den Völkern schwer unterminieren kann.

Russland wird aber darüber hinaus der „Kriegsführung“ gegen uns beschuldigt. Gegen alle europäischen Völker und das täglich, wie die Kanzlerin sagt. Russland ist der „Feind“, dem alles Schlechte zuzutrauen ist. Das ist von Hetze nicht mehr weit entfernt. Man wird den Gedanken nicht mehr los, dass sich irgendwer bei der russischen Führung und dem russischen Volk für die Ausführungen der Kanzlerin entschuldigen müsste …

 

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